Amoklauf in Winnenden
BuPP-Stellungnahme zur aktuellen Diskussion über die Wirkung von Computerspielen
Nach dem schrecklichen Amoklauf am 11. März in Winnenden (Baden-Württemberg, Deutschland), bei dem insgesamt 16 Menschen starben, werden Rufe nach einem Total-Verbot von Gewalt-Spielen laut. Sowohl Praxis wie auch Theorie der Pädagogik und Medienpädagogik zeigen jedoch, dass andere Maßnahmen eher geeignet sind, Ähnliches zu verhindern, so die BuPP zur aktuellen Diskussion.
Ursachen von Amok-Läufen
Um geeignete Ansätze zu finden, bedarf es einer seriösen Erkundung der Ursachen. Dabei zeigt sich bei Tätern von Amok-Läufen immer wieder, dass es nicht Affekthandlungen sind, sondern das Ende eines längeren Prozesses. Meist entwickeln sich Gewalt- und Rachefantasien über einen längeren Zeitraum. Die Ursachen bzw. Auslöser werden in der Wissenschaft heute übereinstimmend als multikausal angesehen (vgl.: Michael Kunczik, Astrid Zipfel (2006): Gewalt und Medien. Ein Studienhandbuch; Köln: Böhlau Verlag). Als Bedeutsam gelten eine fortgeschrittene psychosoziale Entwurzelung des Täters, der Verlust beruflicher oder schulischer Integration durch Arbeitslosigkeit, einen Schulverweise oder das Verlassen der Schule, Rückstufungen oder Versetzungen, zunehmend erfahrene Kränkungen sowie Partnerschaftskonflikte. Der Tat vorausgehend ist meist eine Phase der Frustration und des nach innen gekehrten Grübelns und Brütens. Die (späteren) Täter erscheinen so der Umwelt oft als unauffällig.
Medienwirkung
Die Medienwirkungsforschung beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, ob der Konsum von Gewalt in Computerspielen reale Gewalt fördern oder auslösen würde. Die Befunde sind sehr unterschiedlich, eine tatsächlich abschließende, schlüssige Aussage gibt es NICHT. Prof. Michael Kunczik hat für die deutsche Bundesregierung die Forschung zum Thema Medienwirkung von den Jahren 1998 bis 2004 einer Analyse unterzogen und kommt zum Schluss: Mediengewalt stellt nur einen Faktor innerhalb eines komplexen Bündels von Ursachen für die Entstehung gewalttätigen Verhaltens dar. Eine lineare, monokausale Wirkung im Sinne „der Konsum gewalttätiger Medieninhalte führt zu realer Gewalt“, ist nicht anzunehmen. Allenfalls bei "High-Risk-Playern" kann es zu verstärkenden Wechselwirkungen mit vorhandenen Problemlagen kommen (Michael Kunczik, Astrid Zipfel (2006): Gewalt und Medien. Ein Studienhandbuch; Köln: Böhlau Verlag). Die Beschreibung des Täters in den Medienberichten legt vielmehr nahe, dass auch hier wieder der Konsum von "Gewalt-Spielen" eher ein Symptom eines Problems ist und nicht dessen Ursache.
Verbot ist keine Lösung
Generelle Verbote greifen aus mehreren Gründen zu kurz. Zunächst machen sie die Spiele als "verbotene Früchte" gerade für jene Jugendlichen attraktiv, die ohnehin schon ein Problem mit Gewalt haben. Zudem können Verbote - in einer vernetzten Welt - umgangen werden. Darüber hinaus wird mit einem Verbot von "Gewalt-Spielen" im Sinne des zuvor Ausgeführten keine der wesentlichen Ursachen bekämpft, sondern allenfalls ein kleiner Teilaspekt.
Vom Jugendschutz …
Selbstverständlich ist es aber so, dass nicht jedes Spiel für jedes Alter geeignet ist - es gibt ganz klar Spiele, die für Erwachsene gemacht werden und daher auch nur von Erwachsenen gespielt werden sollen. Jugendschutz-Kennzeichnungen wie jene der PEGI (Pan European Game Information) geben darüber Auskunft. PEGI-Freigaben sind auf den meisten Spielen deutlich sichtbar. Wo sie fehlen, ist im Allgemeinen die Freigabe der deutschen USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) zu finden, welche demselben Zwecke dient: Für den Handel sind diese Kennzeichnungen zum Teil bereits verpflichtend, für Eltern und Erziehende stellen sie den ersten und sehr einfachen Schritt dar, Verantwortung zu übernehmen.
… zur verantwortungsvollen Erziehung
Einen Schritt weiter geht die Liste empfehlenswerter Spiele der BuPP - hier wird bereits eine sehr konkrete Orientierungshilfe geboten, um im Gespräch mit den Kindern auch aktiv Alternativen anbieten zu können. Denn selbstverständlichen haben Werte und Überzeugungen ihren Platz in der Erziehung. Und wenn Eltern bestimmte Inhalte ablehnen, so gibt es keinen Grund damit hinter dem Berg zu halten! Im Gegenteil: wenn glaubwürdig und auf Grundlage einer respektvollen und anteilnehmenden Kommunikation Werte zum Ausdruck gebracht werden, kommt das dem Ideal einer verantwortungsvollen Erziehung am Nächsten.
Keine Angst!
Wie die spontane Forderung nach einem Verbot von "Gewalt-Spielen" deutlich macht, verunsichern die Darstellungen von Kämpfen auf den Bildschirmen von Spielen viele Menschen. Ein paar Absätze zuvor wurde jedoch bereits darauf hingewiesen, dass eine lineare, monokausale Wirkung im Sinne: „der Konsum gewalttätiger Medieninhalte führt zu realer Gewalt“, keinesfalls anzunehmen ist! Wenn Ihr Kind Spiele spielt, die für Sie besonders "gewalttätig" aussehen, dann wenden Sie sich Ihrem Kind zu. Fragen Sie nach, um was es in dem Spiel überhaupt geht und warum es Spaß macht oder fasziniert. Wenn es Ihre Zeit erlaubt, setzen Sie sich hin, und versuchen Sie selbst zu spielen. Es ist nicht erforderlich, dass Eltern Fachleute für Computerspiele werden. Es ist jedoch wünschenswert, dass Eltern ihre eigenen Kinder kennen.
Sollten Sie dennoch Sorgen haben, so wenden Sie sich an eine der über 390 vom BMWFJ geförderten Familienberatungsstellen - dort steht Ihnen kostenlos und professionell Beratung und Hilfe in Erziehungsangelegenheiten zur Verfügung.
Viele Maßnahmen erforderlich
Neben der wünschenswerten verantwortungsvollen Erziehung und der offenen, auf Vertrauen basierenden Kommunikation in den Familien, gibt es noch eine große Vielzahl weiterer Maßnahmen, um schreckliche Vorfälle wie den Amoklauf von Winnenden zumindest unwahrscheinlicher zu machen. Die Palette reicht dabei von einem verstärkten Einsatz von Medienpädagogen/innen bis hin zu einem breiten Angebot von Seminaren für Eltern, Kinder und Jugendlichen zum Umgang mit Gewalt, Mobbing, etc.
Weitere Informationen
Weitere Informationen zum Aspekt der Computerspiele im Kontext von Gewalt finden sich auf der Website der BuPP. Insbesondere in den Bereichen:
(Quelle: BuPP)








